Die altrussische Sprache, die allen Ostslawen gemeinsam war, existierte seit den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung ungefähr bis zum XIV. Jahrhundert, als ihre Teilung in Russisch, Ukrainisch und Weißrussisch spürbar wurde. Sie hatte sich wiederum aus der noch älteren Urslawischen Sprache entwickelt. Es war eine Umgangssprache der Slawen, die Sprache des Volks. Zur Schrift- bzw. Literatursprache wurde Altrussisch im XI. Jahrhundert. Die Existenz eines noch früheren slawischen heidnischen Schrifttums wird von Wissenschaftlern ernsthaft angezweifelt.
Parallel zum Altrussischen bestand das Kirchenslawische als die Sprache des slawischen Gottesdienstes. Es wurde Mitte des IX. Jahrhunderts von den Aufklärern Brüdern Kyrill und Methodius geschaffen, welche aus der byzantinischen Stadt Saloniki stammten, und fand zunächst in Bulgarien und Mähren Anwendung. Die meisten Wissenschaftler sind der Meinung, daß Kyrill und Methodius das erste slawische Alphabet, die Glagoliza, geschaffen und mit ihrer Hilfe die gottesdienstlichen Texte in dieser Sprache aufgezeichnet haben. Ihr Schüler Kliment von Ohrid erfand eine neue Variante des Alphabets, die Kyrilliza. Letztere wird bis heute mit einigen Modifikationen in Rußland, Serbien, Bulgarien, der Ukraine, Weißrussland und anderen Ländern verwendet.
Im X. Jahrhundert kam das slawische Alphabet in die Alte Rus. Es wurde bereits in der vorchristlichen Zeit verwendet, dabei überwog die Kyrilliza deutlich die Glagoliza. Nach der ChristianisierungRusslands im Jahre 988 nahm die Verbreitung des slawischen Alphabets Massencharakter an. Schriftkundig waren nicht nur die Priester. Auch Adlige ließen ihren Kindern das Lesen beibringen.
Die Sprache des Volkes und die der Kirche waren voneinander nicht isoliert. Die meisten Sprachdenkmäler sind in ihrer Mischung verfaßt. Gebildete Menschen beherrschten beide Sprachen, jedoch brauchten auch sie manchmal Erklärungen. Außerdem drangen in die Sprache Fremdwörter ein. Als Ergebnis entstanden zur Klärung eventueller Fragen eine Art Nachschlagewerke mit der Auslegung komplizierter Textstellen.
Zu den ältesten Sprachdenkmälern der Rus gehören nicht nur religiöse Werke, sondern auch Geschäfts- und Privatkorrespondenz, Legenden auf Münzen, Inschriften auf Fürstensiegeln und an den Wänden der Kirchen. Die archäologischen Funde zeugen davon, daß ziemlich viele Angehörige unterschiedlicher sozialer Schichten des Lesens und Schreibens kundig waren. Bis heute haben die Wissenschaftler gut eintausend sog. Birkenrindenurkunden entdeckt.
Birkenrindenurkunden sind Briefe, Zettel, Dokumente aus dem XI.-XV. Jh., die in die Innenseite des vom Stamm abgetrennten Birkenrindenstreifens eingeritzt wurden. Die Möglichkeit der Verwendung der Birkenrinde als Schreibmaterial war vielen Völkern bereits seit der Antike bekannt. Die ältesten von den bis jetzt aufgefundenen altrussischen Birkenrindenbriefen werden ins XI. Jahrhundert datiert.
Schriftrollen aus Birkenrinde waren ein verbreiteter Alltagsgegenstand. Die Historiker nehmen an, dass weniger geübte Bürger und Kinder hauptsächlich auf Wachstafeln schrieben. Diejenigen aber, die das Schreiben richtig beherrschten, konnten mit einem gespitzten Knochen- oder Metallstäbchen, dem sog. „Schreiber“, eigentliche Birkenrindenbriefe einritzen. Solche Stäbchen in winzigen Lederetuis fanden die Archeologen auch früher, konnten ihren Zweck aber nicht bestimmen und nannten sie bald „Stecknadeln“, bald „Fragmente von Schmuck“.
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