Joel Whitton war einer der ersten, der eine grosse Zahl von Menschen unter Hypnose in das Zwischenreich geführt hat; siehe das äusserst gehaltvolle Büchlein von Whitton und Fisher [1986]. (Edith Fiore berichtete schon 1978 von einigen ihrer Klienten, die in der Regressionstherapie dieses unbekannte Land betreten hatten, und etliche Klienten Helen Wambach’s [1979] hatten dort Erlebnisse.)
Joel Whitton, ein angesehener Psychiater an der Universität von Toronto, führte über 20 Jahre lang Patienten in frühere Leben zurück und konnte so manchem bei seinen seelischen oder auch körperlichen Problemen Hilfe bringen, als alle konventionellen Therapieversuche gescheitert waren. Whitton fand heraus, dass zwischen 4 und 10 % aller Menschen (genauer: aller seiner Klienten?) die Fähigkeit besitzen, in Tieftrance zu gehen und somit in frühere Leben geführt zu werden. Einerseits sagen die beiden Autoren, dass es keinen objektiven Beweis dafür gebe, dass die Klienten, die auf diese Weise in frühere Leben geführt wurden und von ernsten Erkrankungen genesen sind, tatsächlich frühere Existenzen wiedererlebt haben. Doch ist Whitton persönlich davon überzeugt, dass dies tatsächlich so ist, obwohl, wie er sagt, sicher nicht jede scheinbare Erinnerung an ein früheres Leben auch historisch begründet ist.
Die Reise in das Zwischenreich
Es ergab sich, dass Whitton seine Klienten nicht nur in frühere Leben, sondern auch in die Zeiten zwischen den irdischen Leben führte. Er stellte fest, dass unser Bewusstsein in der Erinnerung an den Bardo, an unseren Aufenthalt im Zwischenreich, höher, heller und klarer ist als in allen anderen Bewusstseinszuständen. So übertrifft es an Klarheit, Helligkeit und Einsicht den Wachzustand, den Traum, unsere Phantasien, unsere Erinnerungen an frühere Leben, auch ausserkörperliche Erfahrungen und Schauungen in der Meditation. Nur im Zwischenreich erkennen wir unsere karmische Einbindung. Das heisst, wir überblicken viele unserer vergangenen irdischen Leben, unseren Entwicklungsstand, unser Versagen bei gestellten Aufgaben in der Vergangenheit und die Prüfungen, die uns im folgenden (also dem jetzigen) Leben erwarten. Dieser ganz ausserordentliche, euphorische Zustand des Bewusstseins gestattet uns, den Sinn unserer Existenz zu erfahren, den Weg zu erkennen, den wir gehen und die Stelle, an der wir in unserem Entwicklungsprozess gerade stehen. Es besteht volles Gewahrsein und Verständnis dafür, wer wir wirklich sind, für den Grund unserer Existenz und für unseren Platz im Universum. Wir haben im Bardo die Gewissheit, dass alles einen Sinn hat und dass alles perfekt ist, so wie es ist. Die Klienten, die das Glück hatten, diese Erfahrung zu machen, sind zunächst völlig überwältigt und sprachlos, denn es ist dort alles so ganz anders als das, was sie bisher gekannt haben. Daher ist es kaum in Worte zu fassen.
Gewöhnlich erleben wir diesen Zustand des absoluten Gewahrseins nur zwischen den irdischen Leben. Jedoch haben einige wenige Menschen die Chance, unter Hypnose in der Rückschau in den Bardo einzutreten und sich dieses Zustandes zu erinnern. Es handelt sich tatsächlich um Erinnerungen, nicht etwa um eine aktuelle Erfahrung, die dem jetzigen Entwicklungsstand des Individuums entspricht! Daher ist das jetzige, heutige irdische Leben der Klienten in der Trance ein zukünftiges. Nichtsdestoweniger kann die Erinnerung in Trance sehr intensiv und reich an Emotionen sein und dem Klienten als absolut wahr, als authentisch erscheinen.
Die Autoren betonen, dass die Erlebnisse im Zwischenreich keine zeitliche und keine räumliche Struktur haben: Die jenseitige Welt ist zeitlos und raumlos. Da es dort keine Zeit gibt, gibt es dort auch keinen Fortschritt, keine Entwicklung. Wir können nur im Diesseits Erfahrungen sammeln, lernen und uns entwickeln. Das ist der Grund, warum wir immer wieder in die Materie hineingeboren werden.
Der Bewusstseinszustand im Zwischenreich ist ein paradoxer: Einerseits verschmelzen wir mit der Einheit, mit der Existenz an sich und verlieren so jeden Sinn für die eigene Identität, andererseits werden wir unserer selbst besser gewahr als je sonst. Um diese Selbsterkenntnis im Bardo zu erlangen, müssen wir dort allerdings denken, denn ohnedem ist unser Aufenthalt dort völlig unbewusst. Die Autoren zitieren in diesem Zusammenhang Descartes, der sagte: „Ich denke, also bin ich“, was nie so sicher zutreffe wie im Jenseits. (Demgegenüber trachten wir im hiesigen Leben in der Meditation, das Denken zu vermeiden!)
Kommen unter Hypnose Erinnerungen an frühere Tode auf, so sind die Erlebnisse in dessen Nähe genau dieselben, wie wir sie heute aus der Nahtodesforschung kennen, mit dem einzigen Unterschied, dass natürlich damals nicht ins irdische Leben zurückgekehrt werden musste.
Menschen mit einem geringen Interesse an ihrem Entwicklungsprozess „schlafen“ drüben genauso wie hier und nehmen sich auch drüben kaum selber wahr. Entsprechend stockend verläuft ihre Entwicklung; sie vergeben hier und auch dort ihre Chancen.
Das Jenseits erscheint uns so, wie wir es uns vorstellen, und das ist individuell sehr verschieden. Es ist ein Produkt unserer Gedanken und Erwartungen, wie auch Myers und das tibetische Totenbuch betonen. So können wir wundervolle Landschaften, Gärten, Paläste, Brunnen, Wiesen, Bäche, Städte wahrnehmen, aber auch abstrakte Formen und Farben, Gerüche, Musiken, bis hin zu völliger Leere, dem absoluten Nichts.
Viele Seelen, die ein Interesse an ihrem Werdegang haben, studieren im Bardo fleissig, sogar in Bibliotheken und Seminarräumen; Ärzte und Rechtsanwälte z. B. studieren Medizin und Juristerei, andere die Gesetze des Universums und wieder andere Gegenstände, die in unserer Welt keine Entsprechung haben. (Nach dem weiter oben Gesagten muss allerdings angenommen werden, dass der eigentliche Lernfortschritt erst in der physischen Welt erfolgt.)